Die Grabstele des Sophytos aus Kandahar in Afghanistan
Ta Nea berichtet über eine Inschrift, die aus Kandahar im heutigen Afghanistan stammt. Es handelt sich dabei um die Grabstele des Sophytos.
Was haben Afghanistan und Kandahar mit Griechenland zu tun?
Die erste Frage, die sich jemandem aus der heutigen Zeit stellt, ist doch: Kandahar liegt in Afghanistan und nicht in Griechenland. Was hat das miteinander zu tun?

(Bild ist Public Domain)
Um diese Frage beantworten zu müssen, geht es weit zurück in der Zeit.
Alexander der Große hatte gerade das Persische Reich herausgefordert und besiegt. Er hatte herausragende Fähigkeiten als Feldherr, wohl auch als Kämpfer. Ihm gelang es immer wieder, bei Belagerungen und in offenen Feldschlachten die Oberhand zu behalten. Aber Persien war ihm nicht genug.
Alexander hatte die Unterstützung der Griechen. Das kam überhaupt nicht freiwillig. Aber auch besiegte Griechen mussten feststellen, dass der Sieg über Persien eine beeindruckende Leistung war. Und „nebenbei“ hatte Alexander auch Ägypten erobert, die neue Hafenstadt Alexandria gegründet und war auch Herrscher über dieses große Reich.
Aber ihm war das nicht genug. Gegen Ende des Jahres 330 v.Chr. drang er in das Gebiet vor, das wir heute Afghanistan nennen. In der Nähe von Kabul überwinterte er und Überschritt zu Beginn des Frühjahrs 329 v.Chr. den Hindukusch.
Sein Ziel war Baktrien, wo sich ein gewisser Bessos aufhielt. Bessos war ein Verwandter des persischen Großkönigs Dareios III. Als sich dessen Niederlage abzeichnete, sorgte er für dessen Gefangennahme. Er uns seine Mitverschwörer wollten ihn an Alexander ausliefern, um diesen zu Dank zu verpflichten. Aber sie ahnten, dass daraus wohl nichts werden würde. Deshalb brachten sie Dareios um und flohen. Alexander stellte die Verfolgung zunächst ein. Aber Bessos war in Baktrien, einem nicht eroberten Teil des Persischen Reichs. Dort nahm er den Königstitel an und begann, neue Truppen zusammenzustellen. Das ließ Alexander sich nicht bieten und zog los.
Die Geschichte dieses Feldzugs kann ich im Rahmen dieses Beitrags nicht wiedergeben. Wichtig ist zu wissen, dass Alexander auch beim heutigen Kandahar vorbeikam. Hier gründete er eine Stadt namens Alexandria. Dort liegt heute mit Kandahar die zweitgrößte Stadt Afghanistan.
So kam die griechische Kultur nach Afghanistan und fand im heutigen Kandahar ein Zuhause.
Die Grabstele des Sophytos
Im Jahr 2004 tauchte im Antikenhandel eine Kalksteinplatte mit einer Inschrift in altgriechischer Sprache auf. Es handelt sich um ein Grabepigramm, das ein Mann namens Sophytos noch zu seinen Lebzeiten in Auftrag gab.
Als Fundort wird Kandahar angegeben, was vermutlich auch stimmt. Heute befindet die Platte sich in Privatbesitz. Die Inschrift wurde aber entziffert und publiziert.
Dies ist der griechische Text auf der Grabstele:
Σωφύτου στήλη
Δ Δηρὸν ἐμῶγ κοκυῶν ἐριθηλέα δώματ᾽ ἐόντα
Ι ἲς ἄμαχος Μοιρῶν ἐξόλεσεν τριάδος·
Α αὐτὰρ ἐγὼ, τυννὸς κομιδῆι βιότοιό τε πατρῶν
Σ Σώφυτος εὖνις ἐὼν οἰκτρὰ Ναρατιάδης,
Ω ὡς ἀρετὴν Ἑκάτου Μουσέων τ᾽ ἤσχηκα σὺν ἐσθλῆι
Φ φυρτὴν σωφροσύνηι, θήμος ἐπεφρασάμην
Υ ὑψώσαιμί κε πῶς μέγαρον πατρώϊον αὔθις·
Τ τεκνοφόρον δὲ λαβὼν ἄλλοθεν ἀργύριον,
Ο οἴκοθεν ἐξέμολον μεμαὼς οὐ πρόσθ᾽ ἐπανελθεῖν
Υ ὕψιστον κτᾶσθαι πρὶμ μ᾽ άγαθῶν ἄφενος·
Τ τοὔνεκ᾽ ἐπ᾽ ἐμπορίηισιν ἰῶν εἰς ἄστεα πολλὰ
Ο ὄλβον ἀλωβήτος εὐρὺν ἐληισάμην
Υ ὑμνητὸς δὲ πέλων πάτρην ἐτέεσσιν ἐσῖγμαι
Ν νηρίθμοις τερπνός τ᾽ εὐμενέταις ἐφάνην·
Α ἀμφοτέρους δ᾽ οἶκόν τε σεσηπότα πάτριον εἶθαρ
Ρ ῥέξας ἐκ καινῆς κρέσσονα συντέλεσα
Α αἶάν τ᾽ ἔς τύμβου πεπτωκότος ἄλλον ἔτευξα,
Τ τὴν καὶ ζῶν στήλην ἐν ὁδῶι ἐπέθηκα λάλον.
Ο οὕτως οὖν ζηλωτὰ τάδ᾽ ἔργματα συντελέσαντος
Υ υἱέες υἱωνοί τ᾽ οἶκον ἔχοιεν ἐμοὖ.1
Mein Altgriechisch ist so schlecht, dass ich den Versuch einer wörtlichen Übersetzung unterlasse.
Das berichtet Sophytos über sich selbst
Die Überschrift Σωφύτου στήλη weist das Artefakt als Sophytos Säule aus. Damit kennen wir den Namen des Mannes und lesen seine Geschichte.
Sophytos (Σώφυτος) stellt sich als Sohn des Naratiades (Ναρατιάδης) vor. Seine Famlie scheint ihr gesamtes Vermögen verloren zu haben, als er noch jung war. Deswegen ging Sophytos weg. Er scheint als Kaufmann sehr erfolgreich gewesen zu sein, und so kehrte er an seinen Heimatort zurück. Dort baute er sein Elternhaus wieder auf und richtete auch die Gräber seiner Familie wieder her. Er schließt ab mit dem Wunsch, dass seine Söhne und noch deren Söhne noch besitzen mögen, was er hinterlassen hat.
Die Stele berichtet von Verlust und dem Wiederauferstehen aus dem Nichts. Das ist eine Geschichte, die mich sehr berührt.
Die Verwendung der griechischen Sprache zeigt, dass Sophytos sich in dieser Kultur als heimisch empfand. Das Kandahar seiner Zeit war eine griechische geprägte Stadt, auch wenn es weit weg von Griechenland im heutigen Afghanistan lag.
Afghanistan im Hellas Blog
Das heutige Afghanistan ist ganz klar kein griechisch geprägtes Land. Dennoch gibt es historische Verbindungen der Länder. Diese behandele ich gelegentlich im Hellas Blog.
Die Grabstele des Sophytos aus Kandahar in Afghanistan
Briefmarken von 1984 anlässlich der Olympischen Sommerspiele
Briefmarke mit Aristoteles und Alexander dem Großen
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- Quelle: Supplementum Epigraphicum Graecum, Band 54, 2004 (2008) Nr. 1568. ↩︎
