Geschichte

Griechen, Imbros und Tenedos

Das Portal Newsbomb erinnert in einem informativen Beitrag an das Schicksal der Griechen auf den Inseln Tenedos und Imbros nach dem Vertrag von Lausanne. Beide Inseln gehören zur Türkei. Ich nehme den Beitrag zum Anlass, diesem Thema im Hellas Blog einmal nachzugehen. Aber gleichzeitig möchte ich auch einen Blick auf die Inseln Gökceada und Bozcaada werfen. So heißen Imbros und Tenedos auf türkisch.

Imbros ist Gökceada

Über Imbros oder Gökceada habe ich bisher im Hellas Blog noch nicht geschrieben. Patriarch Bartholomäus I. stammt von hier. Aber auch losgelöst von seiner Person ist die Insel faszinierend.

Die Bucht von Kaleköy auf Gökçeada
Die Bucht von Kaleköy (Kastro) auf Gökçeada

Bis zum 29. Juli 1970 hieß die Insel offiziell auf Türkisch noch  İmroz, was die türkische Aussprache des griechischen Inselnamens Imbros ist. Der Name Gökçeada ist eine Neuschöpfung. Er bedeutet „himmlische Insel“. Dabei ging es darum, die alten griechischen Ortsnamen durch moderne türkische Namen zu ersetzen. Dazu schreibe ich weiter unten etwas. Die Griechen sprechen den Inselnamen übrigens Imvros aus. Unser deutsches Wort Imbros entspricht der altgriechischen Aussprache.

Heute leben auf Gökçeada überwiegend türkische Menschen, es gibt aber noch eine griechische Minderheit.

Die Winter auf Gökceada sind kühl und regnerisch. Von Juni bis August ist es warm und trocken. Die mittlere Temperatur auf der Insel liegt von Juni bis September über 20 Grad.

Auf Gökceada konnten sich viele Tiere halten, die auf anderen Inseln der Ägäis verschwunden sind. Es gibt zehn Schlangenarten, was eine bemerkenswerte Vielfalt ist. Vor der Bergotter muss man sich vorsehen, ihr Biß kann für Menschen tödlich sein. Zudem kommen zwei Arten von Landschildkröten hier vor. Und ganze 45 Schmetterlingsarten hat man hier auch gezählt. Naturfreunde kommen auf Gökceada definitiv auf ihre Kosten.

Mehr möchte ich an dieser Stelle über diese schöne Insel nicht schreiben. Das würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Hier leben nette Menschen. Der Besuch lohnt sich auf jeden Fall.

So erging es den Griechen auf Gökceada nach 1923

Der Vertrag von Lausanne sah einen „Bevölkerungsaustausch“ zwischen Griechenland und der Türkei vor. Das ist nichts anderes als die Vertreibung türkischer Menschen aus Griechenland und griechischer Menschen aus der Türkei. Gökceada war davon ausdrücklich ausgenommen.

Vor 1923 gab es auf Imbros zehn – andere Quellen sprechen von 18 – Schulen mit insgesamt 1485 Schülern. 1927 schlossen die türkischen Behörden die Zentralschule der Insel. Die Ausbildung der Schüler war nur noch in türkischer Sprache erlaubt, sogar die Schulregister wurden auf Türkisch geführt. Das lockerte sich Anfang der 1950er Jahre zwar, wurde ab 1960 aber wieder verschärft.

Der Zypernkonflikt der 1960er Jahre leitete dann das Ende des bis dahin sehr vielfältigen griechischen Lebens auf der Insel ein. Zu dieser Zeit gab es hier noch um die 9000 Griechen. Die Türkei führte das Eritme Programm ein, eine Politik der Assimilation. Das galt nicht nur für die türkischen Griechen, auch andere nationale Minderheiten wie z.B. die Kurden waren betroffen. Der Gebrauch der eigenen Sprache im öffentlichen Raum wurde verboten, nur die türkische Sprache war erlaubt. Dörfer, Städte, Inseln und anderen geografische Orten wurden umbenannt und trugen fortan türkische Namen. Ganze Bevölkerungsgruppen wurden umgesiedelt oder mussten das Land verlassen. Die Zahl der Griechen auf Gökceada ging dramatisch zurück.

Heute leben auf Imbros noch um die 500 Griechen, die übrigen Einwohner von Gökceada sind Türken oder Kurden. Die Griechen haben aber eine Zukunft mit ihrer Identität. Im September 2013 konnte eine griechische Grundschulde eröffnet werden. Im September 2015 kam eine Mittel- und Oberschule hinzu.

Das griechische Leben auf Gökceada erlebt eine kleine Renaissance. So schreibt es die NZZ 2023 in einem Artikel. Ein gutnachbarschaftliches Verhältnis zwischen Griechenland und der Türkei ist auf jeden Fall das Beste, was diesen Menschen passieren kann.

Tenedos ist Bozcaada

Anfang 2025 habe ich im Blog den Beitrag Bozcaada ist Tenedos veröffentlicht. Auf die Insel kommst Du mit der Fähre vom türkischen Festland aus.

Die Burg am Hafen von Bozcaada
Die Burg am Hafen von Bozcaada

Näherst Du Dich mit dem Schiff, fällt als erstes die gewaltige Burg auf. Es handelt sich um eine Festung, mit der die Insel gut verteidigt werden konnte. Es muss sie schon vor der osmanischen Eroberung gegeben haben. In ihrer heutigen Form ist sie ab 1455 unter Sultan Mehmet II. erbaut worden. Weitere Erweiterungs- und Renovierungsarbeiten folgten im 17. bis Anfang des 19. Jahrhunderts. 1807 zerstörte Russland die Burg, die Osmanen bauten sie später wieder auf.

Ich finde, dass diese Festung sehr symbolisch für die osmanische – heute sagt man eher türkische – Identität der Insel steht. Aber es gibt auch eine sehr alte griechische Identität, die bis heute fortbesteht.

Die Insel spielt eine Rolle im Trojanischen Krieg. Als die Griechen das Trojanische Pferd zurücklassen und scheinbar abziehen, verstecken sie hier ihre Flotte. Später wechseln die Herrschaften sich ab. Sie ist Teil des Reichs von Alexander dem Großen, dem Königreich Pergamon, gehört zum Römischen Reich, der Republik Venedig und Byzanz. Schließlich erobern die Osmanen sie.

Während des griechischen Freiheitskampfs führte Konstantinos Kanaris einen Angriff gegen die osmanische Marine. Nach Ende des Kampfs blieb die Insel jedoch beim Osmanischen Reich. Die Mehrheit der Bevölkerung bestand aus Griechen. Erst 1920 kam die Insel durch den Vertrag von Sèvres offiziell zu Griechenland. Nach der Kleinasiatischen Katastrophe kam die Insel 1923 durch den Vertrag von Lausanne zurück zur Türkei. So ist es bis heute.

Mehr möchte ich hier über diese Insel hier auch nicht schreiben. Auch hier gilt: Ein Besuch lohnt. Die Menschen sind sehr gastfreundlich und es gibt viel zu sehen und zu erleben.

So erging es den Griechen auf Bozcaada nach 1923

Auch Bozcaada war vom zwischen Griechenland und der Türkei vereinbarten Bevölkerungsaustausch ausdrücklich ausgenommen. Das bedeutete für die hier lebenden Griechen aber nicht, dass alles beim Alten blieb.

Vor 1923 gab es auf Tenedos zwei Schulen mit 450 Schülern. Die Entwicklung war aber ähnlich wie auf Imbros. Nur da die Bevölkerungszahl auf Tenedos viel geringer war, wirkte sich alles viel dramatischer aus. In der TAZ hat Jürgen Gottschlich 2016 geschrieben, dass es hier noch etwa 50 griechische Familien geben soll. Sein Bericht über die Aussteigerinsel Bozcaada ist wirklich lesenswert.

Rolands Meinung über die beiden Inseln

Ich finde die Geschichte der beiden Inseln faszinierend. Auf ihnen kommen die Höhen und Tiefen der türkisch-griechischen Beziehungen sehr verdichtet zusammen. Als Außenstehender ist es einfach, die positiven Seiten zu sehen. Aber ich verkenne nicht, dass die Sache in den letzten 100 Jahren auch viele Seiten hatte, die für die Menschen auf den Inseln sehr schwer waren.

Beide Inseln heißen für die Griechen bis heute Imbros und Tenedos. Für die Türken sind sie Bozcaada und Gökçeada. Darin kann man auch etwas Gemeinsames sehen, denn beide Seiten können nicht übersehen, dass auch die andere Seite hier ihren Platz hat.

Wenn Du die Möglichkeit hast, solltest Du diese Inseln besuchen und mit unvoreingenommenen Augen betrachten. Egal ob Du auf türkische oder griechische Inselbewohner triffst: Du wirst Gastfreundschaft auf einer wunderbaren Insel in der Ägäis erleben. Und mit diesem Beitrag im Handgepäck kannst Du alles mit etwas anderen Augen sehen, als ein normaler Tourist.

Roland Richter

geboren 1969 in Hannover, Jurist und Griechenland-Fan

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