Geschichte

Der Goulas in Emporio

Der Goulas ist eine große, alte Turmanlage, die sich am Rande des Ortes Emporio (Εμπορείο) auf Santorin erhebt. Sie sieht aus wie eine Festung. Man nennt sie auch den Turm von Goulas (πύργος του Γουλά). Das Wort Goulas leitet sich von kule ab, dem türkischen Wort für Turm. Dieser Turm ist im 14. Jahrhundert erbaut worden.

Blick auf den Goulas vom gegenüberliegenden Berg
Blick auf den Goulas vom gegenüberliegenden Gavrilos

Die Errichtung des Goulas hängt mit der Herrschaft Venedigs über die Insel zusammen. 1296 hatte Byzanz die Herrschaft über Santorin an Venedig verloren. Die Venezianer etablierten ein Feudalsystem und beherrschten Santorin von fünf befestigten Orten aus, den so genannten fünf Burgen von Santorin.

Das waren Ia, Pyrgos, Akrotiri, der Fels Skaros bei Imorovigli und eben auch Emporio. Dem Ort sieht man die Anlage der Wohnhäuser ein einer gut geschützten Burganlage heute noch an.

Die von Venedig eingesetzten Feudalherren lebten in turmähnlichen Goulades. Diese dienten als Wohnsitz der herrschenden Familie, als Getreidespeicher und auch als Fluchtburgen im Fall einer Bedrohung. In Emporio herrschte eine Familie Dargenta.

Der Goulas diente der Verteidigung. Die Bewohner von Emporio fanden hier Schutz vor Piratenüberfällen.

Was genau war der Goulas?

Seitenansicht des Goulas aus Richtung Emporio
Seitenansicht des Goulas aus Richtung Emporio

Der Goulas ist mehr eine Festung als ein Turm. Zur eigentlichen Burg von Emporio gibt es einen Verbindungsgang. Im Goulas wurde die Ernte gelagert.

Emporio war in dieser Zeit das Handelszentrum von Santorin. Als solches war es durch Überfälle permanent gefährdet, was die Burg des Ortes erklärt. Da diese die Einwohner zwar schützen, nicht aber ernähren konnte, hat man zusätzlich noch den Goulas errichtet. Dieser war mit den Mitteln der damaligen Zeit noch schwerer zu erobern als die eigentliche Burg. Daher diente der Goulas auch als Zufluchtsort.

Es gibt eine Verbindung des Goulas zur Insel Patmos. Auf dieser schrieb Johannes seine Offenbarung nieder. Dieser Johannes wird als Johannes der Theologe verehrt und noch heute befindet sich auf Patmos eines der bedeutendsten Klöster der orthodoxen Christenheit.

Ansicht des Goulas von der Straße aus
Ansicht des Goulas von der Straße oberhalb der Festung

Die Verbindung ist eine Legende, nach welcher der Goulas von Emporio von denselben Mönchen erbaut worden sein soll, die zuvor auf Patmos das Kloster des Johannes errichtet haben. Da dieses Kloster 1088 errichtet wurde und der Goulas ungefähr 400 Jahre später, ist das nicht möglich.

Daher halte ich das wirklich nur für eine Geschichte, die dem Goulas eine besondere Bedeutung verleihen soll. Aber sie hat einen historischen Kern.

Die Familie Dargenta blieb nicht ewig. Nach ihr nutzten Mönche von der Insel Patmos den Goulas. In ihm wurden Schätze des Klosters aufbewahrt. Deshalb gibt es im Inneren des Goulas eine Kapelle, die dem Heiligen Christodoulos geweiht ist, dem Gründer des Klosters auf Patmos.

Agios Christodoulos ist um 1021 in Nikaia zur Welt gekommen. Der Ort liegt in der römischen Provinz Bithynien in der heutigen Türkei. Ein erstes Kloster gründete er auf dem Berg Latmos in Karien. Mit Unterstützung des Kaisers Alexios I. Komninos gründete er schließlich das Kloster von Patmos. Nach einem arabischen Überfall auf Patmos floh Christodoulos nach Euböa, wo er starb. Als Sterbejahr sind sowohl 1093 als auch 1101 überliefert.

Lohnt sich der Besuch des Goulas?

Die spannende Frage lautet, ob sich ein Besuch des Goulas lohnt.

Für Besucher ist der Goulas gesperrt
Für Besucher ist der Goulas gesperrt

Ich möchte diese Frage mit einem „derzeit nicht wirklich“ beantworten.

Natürlich sieht der Goulas sehr imposant aus. Ich hoffe, das kommt auf den Fotos zu diesem Beitrag auch gut rüber.

Aber das Gebäude ist sehr marode. Daher ist es für den Publikumsverkehr gesperrt.

Ich fand es ganz beeindruckend, mir den Goulas von außen anzusehen. Aber nach einer viertel Stunde hatte ich alles gesehen, was ich von der Straße aus sehen konnte. Wenn man nicht ohnehin mit dem Mietwagen auf der Insel unterwegs ist, dann lohnt sich die Mühe nicht, beim Goulas vorbeizuschauen.

Wem ein Blick auf den Goulas aus der Ferne reicht, der kann einen Abstecher zur Kapelle Nikolaos Marmaritis machen. Die ist mit dem Bus gut zu erreichen, der von Perissa nach Fira (und umgekehrt) geht. Von der Kapelle aus hat man einen guten Blick über die Weinfelder bis hin zum Goulas.

Sollte der Goulas restauriert werden und eines Tages wieder für Besucher geöffnet sein, sieht die Sache aber ganz anders aus. Dann – da bin ich mir sicher – wird er ein touristisches Highlight auf Santorin sein.

Roland Richter

geboren 1969 in Hannover, Jurist und Griechenland-Fan

Ein Gedanke zu „Der Goulas in Emporio

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